Öl-Analyse

Öl: Schulterschluss mit Schönheitsfehler

Auf den ersten Blick lassen die jüngsten Nachrichten von der Opec aufhorchen. Nach der überraschenden Einigung vor wenigen Wochen innerhalb des Kartells sprachen sich nun auch einige Nicht-Opec-Förderländer für eine Kürzung aus. Russland will 300.000 Barrel weniger produzieren, insgesamt wird eine Drosselung von 558.000 Barrel pro Tag angestrebt. Die Reduzierung soll schrittweise greifen und im April oder Mai ihren vollen Umfang erreichen.

Engpässe sind kaum zu erwarten

Theoretisch wäre dies tatsächlich ein historischer Schulterschluss. Insgesamt würden die Kürzungen rund zwei Prozent des globalen Ölangebots entsprechen und könnten den Preis durchaus unterstützen. Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur IEA wäre der Ölmarkt zu Jahresbeginn mit rund 600.000 Barrel pro Tag unterversorgt, wenn die Pläne vollständig umgesetzt werden.

Doch die Realität sieht wohl anders aus. Saudi-Arabien hat im November seine Ölproduktion auf ein Rekordniveau von 10,7 Millionen Barrel pro Tag erhöht und müsste im Januar die Förderung um rund 700.000 Barrel pro Tag kürzen, um die Vereinbarung zu erfüllen. Angesichts der Haushaltslage erscheint dies sehr unrealistisch. Ähnlich sieht die Situation in Russland aus. Einige Ölunternehmen haben kürzlich sogar Pläne für eine Produktionsausweitung vorgelegt und dürften kein Interesse haben, über eine Kürzung nachzudenken.

Trump setzt auf Öl

Nach der Talfahrt in den vergangenen Jahren kann es sich ohnehin kein Förderland leisten, freiwillig auf die wichtigen Einnahmen aus dem Ölgeschäft zu verzichten. Anbieter die sich zurückziehen, verlieren sofort Marktanteile. Vor allem die amerikanische Fracking-Industrie steht in den Startlöchern. Schätzungen der US-Energiebehörde zufolge dürfte die Schieferölproduktion im Januar leicht steigen – dies wäre der zweite Anstieg in 14 Monaten. Unterstützung kommt für die Unternehmen aus Washington: Der künftige Präsident Trump hat bereits angekündigt, in seinen ersten 100 Amtstagen sämtliche Restriktionen für die amerikanische Schieferöl- und Gasproduktion aufzuheben. Zudem werden im neuen Kabinett von Trump viele Minister vertreten sein, die zuvor in der Ölbranche gearbeitet haben.

Die Party am Ölmarkt steht somit auf einem sehr dünnen Fundament. Ohnehin war die jüngste Aufwärtsbewegung sehr spekulativ getrieben. Am Terminmarkt verzeichneten die Netto-Long-Positionen den kräftigsten Wochenanstieg seit Januar 2011. Diese extreme Positionierung dürfte bald abgebaut werden, fallende Preise wären daher nicht überraschend.

Untermauert wird dies von einem sich abzeichnenden Fehlausbruch über die obere Begrenzung der Seitwärtsspanne bei rund 52 Dollar (Öl der Sorte WTI). Die fehlenden Anschlusskäufe hinterlassen einen faden Beigeschmack, eine Rückkehrbewegung in den unteren Bereich der Zone bei rund 44 Dollar ist zu erwarten. Vorgelagert verläuft bei rund 49 Dollar eine schwache Haltemarke. Unter dem Strich bleibt somit eine Fortsetzung der seit dem Frühjahr bestehenden Seitwärtsbewegung das wahrscheinlichste Szenario. Eine ähnliche Reaktion zeigten die Ölpreise auch in 2009/2010, nachdem das schwarze Gold zuvor kräftig abgestürzt war.

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Autor: Feingold Research

Die oben erwähnten Markteinschätzungen und Inhalte spiegeln ausschließlich die Meinung des Autors wider und nicht die von ayondo. Dieser Service ist ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt und stellt keine Beratung oder Investmentempfehlu

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