Daimler – Analyse

Daimler: Auf Crash-Kurs oder Kaufchance?

Dieselgate, Kartellvorwürfe und teilweise schwächere Quartalszahlen als erwartet – bei Daimler geht es derzeit Schlag auf Schlag. Doch damit nicht genug, es gibt weitere Belastungsfaktoren, die aktuell kaum beachtet werden. Die Meinung am Markt fällt eindeutig aus: Mit minus 14 Prozent seit Jahresbeginn ist Daimler der schwächste DAX-Wert. Antizyklische Anleger dürften nun genau hinschauen.

Skandale sind Investoren inzwischen gewöhnt: Es scheint so, als wären die Autowerte die neuen Banken. Ständig kommen neue Vorwürfe ans Licht, das Vertrauen der Kunden und Anleger dürfte schon bald verspielt sein. Immerhin läuft es operativ noch recht gut, wie die am Mittwoch gemeldeten Zahlen von Daimler zeigten.

Marge auf dem richtigen Weg

Im zweiten Quartal war der Fahrzeugabsatz auf einen Bestwert geklettert, der Erlösanstieg von sieben Prozent signalisiert robustes Wachstum. Ähnlich wie das Ergebnis vor Zinsen und Steuern hatten Analysten aber mit etwas besseren Zahlen gerechnet. Daimler bleibt somit in der Spur, der erst im April erhöhte Ausblick wurde bestätigt: Demnach rechnet der Konzern mit deutlichen Steigerungen bei Absatz, Umsatz und dem Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit).

Auch der Trend bei wichtigen Kennzahlen weist in die richtige Richtung. In 2012 lag die Umsatzrendite noch bei bescheidenen 6,8 Prozent, während für das vergangene Geschäftsjahr gut acht Prozent ausgewiesen wurde. Das Ertragswachstum lag im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre bei 7,5 Prozent und damit bereits leicht über dem Niveau von BMW (6,5 Prozent). Die Modelloffensive und die laufenden Restrukturierungen zeigen Wirkung. Analysten haben ihre 2018er-Gewinnschätzungen in den vergangenen Monaten kontinuierlich nach oben genommen und erwarten derzeit 8,9 Euro pro Aktie. Aufgrund der schwachen Kursentwicklung lockt der Wert mit einem Schnäppchen-KGV von 6,8. Daimler zählt mit Lufthansa und VW zu den billigsten Papieren im DAX und liegt beim KGV auch deutlich unter dem Zehn-Jahres-Durchschnitt von 10,3.

Branche vor Herausforderungen

Wie groß die Sorgen der Investoren sind zeigt die Tatsache, dass die Aktie trotz des billigen Kurs-Gewinn- und Kurs-Buchwert-Verhältnisses und der hohen Dividendenrendite von 5,5 Prozent nicht gekauft wird. Die Liste der Unsicherheitsfaktoren ist lang: Der seit Dezember um zwölf Prozent gegen den Dollar gestiegene Euro verteuert die Autos auf dem wichtigen US-Markt. Im zweiten Quartal lagen die branchenweiten US-Autoverkäufe um drei Prozent unter dem Vorjahresniveau, die kräftigen Rabatte drücken auf die Marge. Knapp 14 Prozent des Absatzes erzielt Mercedes-Benz Pkw in den USA, damit ist er der zweitwichtigste Absatzmarkt hinter China. Doch auch in China läuft es nicht mehr rund. Die Verkäufe lagen im zweiten Quartal ebenfalls unter dem Vorjahresniveau, der weltweite Automarkt kühlt sich ab.

Zu den kleineren Warnsignalen vom amerikanischen und chinesischen Absatzmarkt kommen die negativen Nachrichten aus der Heimat. Gegen Daimler laufen bereits Ermittlungen wegen unzulässig hoher Schadstoffwerte. In der vergangenen Woche hatte der Konzern rund drei Millionen Fahrzeuge zu einem Softwareupdate in die Werkstätten gerufen, die Kosten dafür dürften sich auf rund 220 Mio. Euro belaufen. In Deutschland planen einige Metropolen ein Fahrverbot für den Diesel in Innenstädten. Frankreich und Großbritannien wollen offenbar ab 2040 den Verkauf von Diesel- und Benzinautos verbieten. Dazu kommen hohe Ausgaben: Die Umstellung auf Elektroautos, neue digitale Geschäftsfelder und Techniken wie das autonome Fahren verschlingen Milliarden. Der Kartell-Ärger dürfte nicht nur das Image schwer beschädigen. Hier gibt es aber auch einen kleinen Lichtblick: Daimler war offenbar der erste Konzern, der Selbstanzeige erstattet hat, was im Fall eines Bußgeldes einen völligen Erlass für Daimler als Kronzeugen bedeuten könnte.

Tiefpunkt noch nicht erreicht

Angesichts der zahlreichen Problemfelder verwundert es nicht, dass sich die Aktie bereits seit Anfang 2015 auf dem Rückzug befindet. Die markante relative Schwäche gegenüber dem Gesamtmarkt (DAX mit Rekord in Juni 2017) spricht eindeutig gegen einen längerfristigen Anstieg. Daimler zählt zu den wenigen DAX-Werten, die bereits seit Wochen unter ihrer 200-Tage-Linie notieren. Der Durchschnitt dürfte schon bald ebenfalls in eine fallende Tendenz übergehen. Erholungen werden seit Monaten zum Ausstieg genutzt, die Trendeinschätzung ist negativ.

Sollte nun auch eine typische Spätsommerkorrektur an den Märkten einsetzen, droht der nächste Schlag. Die Unterstützung bei 60 Euro steht kräftig unter Druck, fällt die Bastion steht ein seit 2009 etablierter Aufwärtstrend auf dem Prüfstand (55 Euro). Knapp zehn Prozent darunter stellt das 2016er-Tief die letzte Wendemarke dar, andernfalls drohen noch deutlich tiefere Kurse. Auf steigende Kurse sollten nur kurzfristig agierende Trader setzen, um die überverkaufte Situationen zu nutzen. Mit minus fünf Prozent Abstand zur 21-Tage-Linie ist die Aktie aktuell reif für eine kleine Gegenbewegung mit Ziel 63/65 Euro. Mehr dürfte kaum möglich sein.

Autor: Feingold Research

Die oben erwähnten Markteinschätzungen und Inhalte spiegeln ausschließlich die Meinung des Autors wider und nicht die von ayondo. Dieser Service ist ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt und stellt keine Beratung oder Investmentempfehlung dar.

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